Wer kennt denn schon Burghausen? (2001)

Wer kennt denn schon Burghausen? (2001)
 

Diese Frage sollte nicht abwertend gestellt sein. Und so könnte man in dieser Frage das Wort Burghausen durch Kunstradfahren ersetzen, denn es gibt da viele schöne Gemeinsamkeiten.  

 

Kurzum, der Besucher ist beim Aufenthalt in Burghausen überrascht, dass es dort die längste Burgenanlage Deutschlands zu besichtigen gibt. In der malerischen Altstadt kann man es sich durch die gastfreundliche Bewirtung so richtig gut gehen lassen, und obendrein sind die dort ansässigen Wackerwerke in der Produktion von Siliconwafern, das sind die Dinger, die für die Herstellung von Mikrochips (Computer etc.) benötigt werden, weltweit führend. - Sehr ähnliche Verblüffung erzeugt man da bei einer Vorführung bzw. einem Schaufahren vor einem Publikum, das noch nie Kunstradfahren gesehen hat. Und so stufen dann diese Zuschauer nach anfänglicher Skepsis doch den Kunstradsport auf Anhieb in die Kategorie Hochleistungssport ein.
Leider führt gerade diese Sportart im Schülerbereich ein Schattendasein, obwohl, und das ist mit Fug und Recht zu behaupten, wieder hervorragende Leistungen bei dieser Deutschen Schülermeisterschaft gezeigt wurden.
Man kann ja den Stolz als Vorsitzender nicht ganz verbergen, wenn sich sechs junge Sportlerinnen und Sportler für eine solche Meisterschaft qualifizieren. Und wenn dann noch feststeht, dass mit den aufgestellten Punkten Medaillenchancen bestehen, fährt man doch mit recht gemischten Gefühlen zum Wettkampf.
Die lange fünfstündige Anfahrt nimmt man dann gerne in Kauf, auf den von Petrus bescherten Dauerregen von Freitag bis Montag hätten wir aber alle verzichten können.
Unter diesen Voraussetzungen waren wir alle nicht entzückt, eine zwar moderne Sporthalle, aber mit nur zwei Fahr- und zwei kleinen Trainingsflächen vorzufinden. Insider haben es gleich geahnt: Trainingszeiten pro Fahrer ganze vier (!) Minuten und "doch" noch mal dieselbe Zeit direkt vor dem Wettkampf! Da konnten einige Schüler erst kurz vor 22.00 Uhr auf die Fahrfläche, und einige sind aus Zeitmangel überhaupt nicht zum trainieren gekommen.
 

Um so erfreulicher verlief der Wettkampf der Schülerinnen im Einer-Kunstradfahren. Sandra Bücher, mit eingereichten Punkten auf Platz vier, konnte sich gut vor Ort vorbereiten und akklimatisieren, was dann auch bei der Darbietung zu sehen war. Recht schnell schüttelte sie die Nervosität ab und zog "Ihr Ding" durch. Das schon Wochen zuvor erhöhte Trainingspensum machte sich dann auch sehr schnell in einer hervorragenden Kür bemerkbar.
Die auf Platz eins und drei nach Punkten gesetzten Konkurrentinnen konnten nicht die Nervenstärke an den Tag legen, und so kam dann eine Unsicherheit nach der anderen an den Tag mit dem Ergebnis, sich einen hohen Punkteabzug einzuhandeln.
Nur die auf Platz zwei aufgestellte Lokalmatadorin Marion Kleinschwärzer konnte Sandra mit guten drei Punkten übertrumpfen, wobei hier auch der Heimvorteil nicht ganz außer acht zu lassen ist.
Der Jubel bei den anwesenden rheinland-pfälzischen Kunstradbegeisterten war dementsprechend hoch, als der Vizemeistertitel feststand.
 

Zuvor drückten wir unseren vier Mädels Sabrina, Mona, Nina und Raike die Daumen, die im Vierer- Kunstrad nach Punkten auf Platz dreizehn gesetzt waren. Bei den Rheinland-Pfalz-Meisterschaften konnten sie ein sehr gutes Ergebnis mit 249,49 Punkten erreichen, und vielen Insidern war klar, dass diese Punktzahl eigentlich nicht bei einer "Deutschen" auszufahren war. Die Nervosität und Anspannung ist halt vor einem großen Publikum und bei herausgehobener Bedeutung doch viel größer als beispielsweise bei einer Rheinhessen-Meisterschaft. Abgesehen von zwei Patzern zeigten die Vier ein schönes Programm, und so erwartete die Fangemeinde das Ergebnis auf der Anzeigentafel. Im allgemeinen ist der Punktabzug bei solch einer Veranstaltung recht hoch, aber die sehr guten Leistungen der Vier schlugen sich dann mit 248,68 Punkten und Platz dreizehn nieder. Schnell war dann klar, dass es die Ebersheimer mit einem Neunhundertstel gerade geschafft hatten, einen Platz besser zu sein. Eine hochzufriedene Mannschaft mit Trainerin Michaela Merle an der Spitze, die weitgehend verantwortlich für die Erfolge ist, konnte sich nun zurücklehnen und dem Rest der Veranstaltung entspannter beiwohnen.
Sonntag, der zweite Veranstaltungstag, sollte dann die Entscheidung im Einer- Kunstradfahren der Schüler bringen. Christoph, äußerlich recht cool wirkend, war sehr angespannt, zumal er mit seiner aufgestellten Punktzahl auf Platz drei stand und Medaillenchancen hatte.
 

Im Vorfeld liefen die Vorbereitungen für Christoph nicht gerade optimal. Zuerst brach er sich beim Training drei Monate zuvor den großen Fußzeh und musste mit Schmerzen weiter trainieren, um keinen Rückschritt zu machen, denn zu dieser Zeit war die ein oder andere neue Übung noch nicht "sattelfest". Bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft stürzte er auf den Steiß und mußte eine Woche mit dem Training aussetzen. Die nächsten Wochen waren dann teilweise eine Qual für ihn, denn der Steiß hörte nicht auf zu schmerzen, der Fußzeh musste andauernd getapet werden, und das rechte Handgelenk begann zu schmerzen. So ging er dann unerschrocken und mit Trainingsrückstand, einem getapeten Handgelenk, einem getapeten Fußzeh und auf Platz drei gesetzt, auf die Fahrfläche. Die zweite Übung, der Sattelstand, war etwas wacklig, beim Drehsprung ein Tipper, aber ansonsten noch gut im Rennen. Aber da - bei der vorletzten Übung, dem Übergang zum Standsteiger: das Rad stockte für Bruchteile von Sekunden, und Christoph konnte sich nur noch mit einem Hechtsprung über sein Rad retten. Das Ergebnis: Die vorletzte Übung wiederholte er zwar, aber dadurch war die letzte Übung außerhalb der Zeit. Ein gravierender Verlust von ca. 10 Punkten brachte ihm immerhin noch den fünften Platz.  


Trainer Peter Schmitt und Jens Schmitt, die für die Erfolge von Sandra und Christoph verantwortlich waren, verdienen ein Lob, und ein großes Dankeschön ist auszusprechen. Trainer Peter konnte sich aber wie die Cotrainer nicht mit den Trainingsbedingungen vor Ort abfinden.  

Zu Hause angekommen, wurde Sandra von Freunden und Bekannten mit Transparenten und Blumenschmuck empfangen und konnte stolz ihre Silbermedaille herzeigen.

Mit einem Vizemeistertitel für Sandra Bücher sind alle Erwartungen übertroffen worden, und der Radsportverein kann stolz sein, nach Jens Schmitt wieder Nachwuchs und aktive Leistungsträger in seinen eigenen Reihen zu haben.

Manfred Nickolaus